Was eine Charakteranalyse ist – und was sie nicht ist
Wenn ich erzähle, was ich beruflich mache, kommt fast immer dieselbe Reaktion. Profiling? Das ist doch Kriminalistik. Serientäter, Fallakten, Verhörraum.
Der Begriff hat uns lange begleitet, und genau deshalb sprechen wir heute von Analysen. Denn was wir tun, ist etwas anderes.
Was eine Analyse tatsächlich beschreibt
Wir sehen uns den Charakter eines Menschen an: welche Talente er mitbringt, welche Potenziale in ihm liegen, wovor er Angst hat, wo seine Konflikte entstehen.
Und wir tun das, um drei Fragen zu beantworten, die eigentlich immer dieselben sind. Wer bist du. Woher kommst du. Wo willst du hin.
Manchmal fragt jemand für sich selbst. Manchmal fragt ein Unternehmen, weil eine Stelle zu besetzen ist. Manchmal fragt jemand, weil er eine Entscheidung vor sich hat und nicht weiß, ob er der Mensch dafür ist. Die Methode ist dieselbe, die Frage ist jedes Mal eine andere.
Warum ein Foto genügt
Weil wir nicht auf den Moment schauen, sondern auf die Form.
Ein Gesichtsausdruck dauert Sekunden. Proportionen, Konturen, das Verhältnis der Partien zueinander sind über Jahre gewachsen und bleiben, wenn der Moment vorbei ist. Jede Form trägt eine Information, und die Form folgt der Funktion – das gilt überall, wo etwas gewachsen ist, und beim Menschen genauso.
Deshalb brauchen wir kein Gespräch, um anzufangen. Wir brauchen ein Bild, in dem die Form zu sehen ist, und die Frage, um die es geht.
Beschreiben, nicht bewerten
Das ist der Punkt, an dem die meisten Missverständnisse entstehen, und mir ist er wichtiger als alles andere.
In einer Analyse beschreiben wir. Wir sagen nicht, ob eine Eigenschaft gut oder schlecht ist. Das können wir gar nicht sagen, weil es davon abhängt, wofür.
Ein Beispiel. Wer kräftig und kompakt gebaut ist, wird morgen wahrscheinlich keinen Marathon laufen. Das ist kein Urteil über ihn. Sein Körper ist anders angelegt als der eines Menschen, der auf Ausdauer gebaut ist – und derselbe Bau bringt ihm anderswo Kräfte, die der Läufer nicht hat.
Eine Bewertung entsteht erst, wenn eine Aufgabe dazukommt. Wenn ein Unternehmen fragt, ob eine Bewerberin diese Stelle tragen kann, dann stellen wir ihren Charakter und die Anforderungen nebeneinander und schauen, ob das zusammengeht.
Auch dann bewerten wir nicht den Menschen. Wir bewerten die Passung. Und das Ziel ist nicht, jemanden auszusortieren, sondern dass beide Seiten hinterher zufrieden sind – das Unternehmen und der Mensch, der die Stelle bekommt.
Es geht nie für oder gegen jemanden. Es geht füreinander.
Wofür das am Ende gut ist
Für eines vor allem: dass ein Mensch aufhört, sich zu vergleichen.
Der Vergleich nimmt die Freude. Wer weiß, wie er selbst gebaut ist, was ihn antreibt und was ihn erschöpft, muss sich nicht mehr an anderen messen. Er hört auf zu fragen, warum ihm leichtfällt, was andere quält, und warum ihn ermüdet, was für andere selbstverständlich ist.
Je früher jemand das weiß, desto mehr Leben hat er davon. Und es gibt dafür kein Verfahren, das man über alle ausgießt. Was für den einen die richtige Antwort ist, ist für den nächsten die falsche.
Klaus erklärt das Thema auch selbst, ausführlicher als hier. Im Video spricht er noch von Morph Face Profiling – so hieß die Methode früher. Dieselbe Arbeit, dasselbe Team.