Wenn nicht der Mensch das Problem ist, sondern sein Tag
Vor vielen Jahren rief mich die Leitung einer Einrichtung an, in der Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung rund um die Uhr betreut werden. Es ging um eine Bewohnerin.
Ihr Verhalten hatte sich über Monate zugespitzt. Sie hielt es in ihrem Zimmer nicht mehr aus, sie wurde unruhig, dann laut, am Ende war die Lage für die Pfleger und für sie selbst nicht mehr sicher. Die Einrichtung hatte eigene Psychologen und Soziologen, sie hatte mit allen Pflegern gesprochen, sie hatte alles versucht, was ihr eingefallen war. Man war mit dem Latein am Ende.
Weil die Leitung wusste, womit ich arbeite, fragte sie mich, ob ich mir die Frau ansehen könne.
Anderthalb Minuten
Ein Gespräch mit ihr war nicht möglich. Das war für mich kein Hindernis, sondern der eigentliche Punkt: Weil sie ihre Impulse kognitiv nicht steuern konnte, handelte sie unmittelbar aus ihnen heraus – ohne Kontrolle, ohne Hemmung, ohne die Schicht aus Erziehung und Anpassung, die bei den meisten von uns darüberliegt.
Ich bat um anderthalb Minuten. Mehr braucht es nicht, um zu sehen, welche Grundimpulse ein Mensch mitbringt.
Was ich sah, war eindeutig: ein sehr starker Bewegungsimpuls. Viel Dynamik, ein deutlicher Energieüberschuss, eine ausgeprägte Fähigkeit, sich schnell zu regenerieren. Ein Naturell, das Bewegung nicht mag, sondern braucht.
Was der Tagesplan mit ihr machte
Danach habe ich nicht mehr über sie gesprochen, sondern über ihren Tag. Ich habe die Früh- und die Spätschicht zusammengeholt und gefragt, was mit ihr an einem gewöhnlichen Tag eigentlich passiert.
Die Antwort war ordentlich und gut gemeint. Frühstück, dann zurück aufs Zimmer. Eine halbe Stunde nach draußen. Mittagessen, dann zurück aufs Zimmer. Nachmittags Hobbywerkstatt oder Sport. Abendessen, dann zurück aufs Zimmer, dann schlafen.
Für viele Menschen ist das ein guter Tag. Für sie war es das Gegenteil.
Ein Mensch mit diesem Naturell, der immer wieder in ein Zimmer geschickt wird, sammelt Energie an, die nirgendwo hingeht. Wenn er dazu noch zu viel schläft, wird der Überschuss größer, nicht kleiner. Am Ende sucht sich der Impuls einen Weg – irgendeinen. Was von außen wie ein Problem mit dem Verhalten aussah, war ein Problem mit dem Stundenplan.
Der Vorschlag
Er bestand aus zwei Sätzen.
Erstens: Schickt sie nach dem Frühstück nicht auf ihr Zimmer. Gebt ihr eine Werkbank, an der sie mit den Händen etwas bearbeiten kann.
Zweitens: Schickt sie nach dem Mittagessen nicht auf ihr Zimmer. Macht Sport mit ihr. Tischtennis.
Bei diesem Punkt fiel den Pflegern etwas ein. Sie hatten sie vor einem halben Jahr einmal an der Tischtennisplatte gesehen, und es hatte ihr sichtlich Freude gemacht. Niemand hatte daraus etwas gemacht, weil es wie eine Laune aussah. Es war keine Laune. Es war ihr Naturell, das sich für einen Nachmittag durchgesetzt hatte.
Die Pfleger fragten mich, woher ich wisse, dass das funktioniert. Meine Gegenfrage war die einzige, die ich hatte: Habt ihr denn noch etwas zu verlieren?
Zwei Wochen später
Die Rückmeldung kam nach zwei Wochen. Die Vorfälle waren nicht weniger geworden. Sie waren weg.
Ich erzähle diese Geschichte nicht, weil sie spektakulär ist. Ich erzähle sie, weil das Muster darin überall vorkommt, nur meistens leiser.
Ein Kind, das im Unterricht nicht stillsitzt. Ein Mitarbeiter, der in einer Rolle unruhig wird, in der er still arbeiten soll. Ein Mensch, der in seiner eigenen Wohnung nervös wird und nicht weiß, warum. In all diesen Fällen wird zuerst über den Menschen gesprochen. Fast nie über die Form seines Tages.
Ein Hinweis noch, der mir wichtig ist: Was wir vorgeschlagen haben, war auf diese eine Person zugeschnitten. Es gibt kein Vorgehen, das man über alle ausgießt, und schon gar nicht über alle Menschen mit einer Beeinträchtigung. Die Merkmale sind bei allen dieselben. Ihre Zusammensetzung ist bei jedem anders.
Was am Ende zählte, war nicht, dass jemand recht behalten hat. Es war, dass beide Seiten wieder miteinander konnten – die Frau und die Menschen, die sich um sie kümmern.
Das Ganze auch als Video
Klaus erzählt diese Geschichte auch selbst. Im Video spricht er offener darüber, wie ernst die Lage für die Bewohnerin geworden war – deshalb trägt es einen deutlicheren Titel als dieser Text.
Wenn du gerade selbst in einer schweren Lage bist: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym, unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.